Unter Abbund versteht der Zimmerer den gesamten Ablauf, der mit dem Vorbereiten der vom Sägewerk auf Dimension und grobe Länge gesägten Hölzer für das spätere Aufrichten auf der Baustelle zu tun hat. Es ist dies die eigentliche Kunst des Zimmerers, der die benötigten Hölzer fertig zuschneidet, damit auf der Baustelle nur noch die eigentliche Montagearbeit geleistet werden muss. Ein anderer Ausdruck für den Abbund ist Schiftung.

“Unter Abschiftung oder kurz Schiftung versteht der Zimmermann das kunstgerechte Verbinden und Zusammenfügen der einzelnen Bauhölzer zu einem fertigen Dach. Für die Lösung dieser Aufgabe sind eingehende Kenntnisse der geometrischen Zusammenhänge notwendig. Nur wenige Zimmerleute beherrschen die Kunst der Abschiftung. Man sagt nicht umsonst, dass die Arbeit des Abschiftens die Krone der Zimmermannskunst ist. Trotzdem ist das Schiften keine Angelegenheit, die nur einigen befähigten Zimmerleuten vorbehalten ist. Jeder strebsame Zimmermann mit einem guten Vorstellungsvermögen kann die Schiftung erlernen.
Bei allen Dächern werden die Linen und Flächen des Dachraumes durch Hölzer gebildet. Diese Hölzer müssen schon in der Ebene, d.h.: auf dem Zimmerplatz, so fix und fertig bearbeitet werden, dass sie beim Aufrichten sofort ohne weitere Bearbeitung im Raume zusammenpassen. Das Aufrichten des Daches ist gewissermaßen die Probe aufs Exempel! Gerade der junge Zimmermann sieht dem Aufrichten mit Spannung entgegen. Er fragt sich immer wieder, ob auch alle Teile richtig ausgetragen, angerissen und bearbeitet wurden. Der unbeteiligte Zuschauer dagegen ist im Stillen verwundert, wenn er sieht, wie die Zimmerleute in kurzer Zeit die Holzkonstruktion eines Daches aufrichten.“
(Aus: Dachausmittlung und Schiftung, Fritz Kress/Ewald Maushake ,Tübingen 1981, Vorabdruck zu: Der Zimmerpolier, 12. Auflage von Fritz Kress, Erstausgabe 1906/07! Wer sich für die Schriften von Fritz Kress interessiert findet unter www.zvab.com eine reiche Auswahl zu verschiedenen Themen aus dem Holzbaubereich. Für die konstruktive Kritik und Informationen zum Thema Fritz Kress bedanke ich mich bei seinem Enkel Hartmut Löffel.)

Zum Abbund gehören das Aufmaß auf der Baustelle, die Dachausmittlung je nach gewünschter Dach- oder Konstruktionsform, die Erstellung einer Holzliste, die Ermittlung der Maße, Winkel und Holzverbindungen der einzelnen Hölzer sowie das eigentliche Ausarbeiten bis zum montagefertigen Konstruktionsholz, teilweise auch die Vormontage zu transportfähigen Elementen.
Es ist das Bestreben jeden Zimmerers, so viele vorbereitende Arbeiten wie möglich auf dem Zimmerplatz oder in der Abbundhalle auszuführen, damit die eigentliche Montage schnell und passgenau vonstatten gehen kann. Dazu bieten sich ihm auf dem Zimmerplatz, die Hölzer auf Böcken aufgesetzt, die besten Voraussetzungen. Hier kann in Ruhe angerissen und ausgearbeitet werden, damit in der Hektik des Aufschlagens, wo viele Helfer (menschlicher oder mechanischer Art) koordiniert werden müssen, alles reibungslos abläuft.

Der Abbund hat sich stets parallel zu den technologischen, wirtschaftlichen und personellen Voraussetzungen entwickelt, die zur jeweiligen Zeit vorherrschten, die hier vorgestellte Gliederung folgt der von Fritz Kress vorgenommenen, der sich um die Erfassung, Bewahrung und Weiterentwicklung der Zimmererkunst wie kein anderer verdient gemacht hat.

Der praktische Abbund wurde angewendet, als die Hölzer als unregelmäßig  von Hand behauene Balken verarbeitet werden mussten. Dazu wurde auf dem „Reißboden“, einer Bretterlage, die Dachprofile in natürlicher Größe aufgerissen oder mit Schnüren abgespannt um die Balken dann einzeln daran anlegen zu können. Alle Maße wurden in natürlicher Größe ermittelt und auf die Konstruktionshölzer übertragen, was sehr zeit- und arbeitsaufwändig war. Diese Methode wurde jedoch über Jahrhunderte von den alten Meistern mit noch heute sichtbarem Erfolg angewandt und viele der heutigen Fachausdrücke rühren aus dieser Zeit her. Die Kunst, genaue rechte Winkel zu konstruieren und darauf aufbauend die Konstruktion zu entwickeln  wurde von Generationen zu Generation weitergegeben und nicht etwa den ‚Gesellen’ erklärt, die lediglich für die Umsetzung der vom Meister vorbereiteten Arbeitsschritte zu sorgen hatten. Trotz dieser etwas konservativen Einstellung wurden auf diese Weise gewaltige und beeindruckende Konstruktionen, aber auch der ‚Dachstuhl und das Fachwerkhaus von nebenan’ geschaffen.

Der rechnerische Abbund wurde möglich, als durch die Einführung der mechanisierten Sägewerke Bauholz mit einheitlichen Dimensionen und rechtwinkligem Zuschnitt zur Verfügung stand (etwa ab Mitte des 19. Jahrhunderts). Von nun ab konnte die Konstruktion in verkleinertem Maßstab, in der Regel 1:10, aufgerissen und theoretisch berechnet werden, die Hölzer serienweise nebeneinander gelegt und gemeinsam abgebunden werden. (In der Folge wurden auch entsprechende Maschinen entwickelt, die dem Zimmermann einen Teil der noch immer vorherrschenden Handarbeit abnehmen konnten, damals noch schwere, unhandliche Geräte, die aufgrund Ihres Gewichtes oft von 2 Mann bedient werden mussten und wegen fehlender Bestimmungen zum Arbeitsschutz oft auch sehr gefährlich waren. Erst im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts (!) begann die Entwicklung von ergonomischen, sicheren Abbundmaschinen, die heute zu einer großen Vielfalt an technisch ausgereiften Geräten geführt hat, woran die deutsche Metallindustrie einen in der Welt beispiellosen Anteil hat. Nirgendwo auf der Welt gibt es so viele und spezialisierte Zimmereimaschinen wie in Deutschland).

Der rechnerische Abbund wurde erst nach und nach von den Zimmermeistern angenommen; mir sind Zimmerleute bekannt, die noch heute ihr Gebälk auf dem traditionellen Reißboden vorrichten. Mit der Zeit aber hat erst die maßstäblich verkleinerte Zeichnung, dann der rein rechnerische Abbund, der mit einigen Skizzen und Kontrollzeichnungen zu hochgenauen Ergebnissen führte, den praktischen Abbund verdrängt. Heute wird noch von den meisten Zimmereien der rechnerische Abbund angewendet und auch in der Ausbildung gelehrt, so dass der Zimmergeselle von heute in der Lage ist sowohl mit Reißbrett und Zeichenschiene als auch mit Taschenrechner die von ihm verlangten Konstruktionen zu erstellen. Grundlage für den Abbund sind wie seit Jahrhunderten die Kenntnisse der Geometrie des Dreiecks, Rechtecks und des Kreises, sowie für die rechnerische Ermittlung der Maße die Winkelfunktionen Sinus, Cosinus und Tangens, die die Seitenverhältnisse im (hauptsächlich) rechtwinkligen Dreieck in Abhängigkeit der Grundwinkel beschreiben.

Der Computerabbund (natürlich nicht von Fritz Kress so vorausgeahnt) ist möglich geworden mit der Entwicklung von leistungsfähigen ‚Rechenmaschinen’, die im Grunde den rechnerischen Abbund zur Perfektion geführt haben, indem Programmierer entsprechende Programme geschrieben haben, durch die der Zimmerer nach Eingabe des Aufmaßes, der gewünschten Neigung und vieler weiterer Faktoren, eine Konstruktion automatisch berechnet bekommt. Weiterhin werden die so ermittelten Daten an eine ‚Abbundanlage’ übergeben, die die Hölzer nach den Vorgaben im Einzeldurchlauf bearbeiten kann, so dass am Ende der fertig abgebundene Dachstuhl entsteht, präzise und passgenau zugeschnitten ( vorausgesetzt der Zimmerer hat die richtigen Eingaben gemacht!).

Diese Art des Abbunds wird sich vermutlich, jedenfalls solange die menschliche Arbeitskraft noch den entscheidenden Kostenfaktor darstellt und nicht ganzheitlich als sinnstiftende, der Arbeitslosigkeit entgegensteuernde, gesellschaftlich heilend wirkende Kraft angesehen wird, auf dem Markt durchsetzen.

Trotzdem bleibt für den Zimmerer noch aufgrund der immer wieder neuen Konstruktionslösungen und veränderten Anforderungen noch genügend Raum für den Einsatz seiner Erfahrung, seines Vorstellungsvermögens und seines bildnerischen Könnens (ja, es soll ja auch schön werden, das Dach prägt nicht zuletzt die Erscheinung eines Gebäudes und muss den Vorgaben seines Bauherren gerecht werden), denn der Rechner kann ja nur rechnen, die konstruktive Durchbildung und statische Belange muss der Zimmerer beitragen und berücksichtigen.
Auf diese Weise ist mit dem technischen Fortschritt auch eine gravierende Veränderung des Berufsbildes einhergegangen, der Zimmerer von heute ist mit High-Tech umgeben und muss diese genauso virtuos (im besten Falle) beherrschen wie früher den Umgang mit Säge und Stemmeisen. Wo die alten Bearbeitungstechniken noch angewendet werden ist in der Sanierung von historischen Gebäuden, wo viel Fingerspitzengefühl im Umgang mit den alten Konstruktionen gefragt ist, und die vor Ort bearbeitet werden müssen.
Auch das sogenannte Aufschlagen oder Aufrichten auf der Baustelle hat dem Zimmerer noch keine Maschine abnehmen können, deswegen ist die Zimmerei trotz aller modernen Hilfsmittel ( aber auch trotz vieler Bestimmungen und Vorschriften, die eingehalten werden müssen ) ein traditioneller Beruf geblieben, der auf seine Geschichte stolz ist.