
RMV Verwaltungsgebäude
Das ehemalige Weingut Eser in der Oestricher Rheinallee 1 wurde in den Jahren 1997-98 von Grund auf saniert und bautechnisch auf den neuesten Stand gebracht nachdem die RHEINGAU-MUSIK-FESTIVAL Konzertgesellschaft das Hofensemble erworben hatte um ihren Verwaltungssitz von Schierstein in das Herz des Rheingaus zu verlegen. Dabei wurden unter der Leitung von Herrn Josef Liebl, der von der RMF als Projektleiter eingesetzt wurde, und später unter der Regie des Architekturbüros Hans-Peter Gresser die alten Baustrukturen soweit als möglich wieder sichtbar gemacht, konstruktiv und optisch aufwändig wieder hergerichtet, das Dachgeschoß als Büroraum nutzbar gemacht durch den Einbau von Gauben und die vorhandene `Kelterhalle´ zum Veranstaltungsraum mit einmaliger Atmosphäre ausgebaut. Dabei wurde unter größter Rücksichtnahme auf historische Bauteile und Gefüge modernste Technik und Komfort um den historischen Kern verwirklicht.
Das gesamte Projekt wurde von uns begleitet von den ersten Fachwerksanierungsmaßnahmen und der Wiederherstellung des ursprünglichen Fachwerkgefüges über den Einbau von Dachgauben bis zur Überarbeitung von Treppen, Einbau eines neuen Tores für die Kelterhalle und Verstärkungen des Tragwerks der Kelterhalle, Wiederherstellung der profilierten Gesimse bis hin zur Aufarbeitung der Garagentore und Einbau einer neuen Gartentüre sowie vielen anderen konstruktiven Details.
Das so neu entstandene Ensemble aus historischen, prägenden
Elementen und modernen, sich einfügenden Strukturen bietet meiner Meinung nach
eines der gelungensten Beispiele der Symbiose von Geschichte und Neuzeit im
Rheingau.
Das Gebäude ist leider nicht öffentlich zugänglich, doch bieten sich durch die
in der Kelterhalle und im neu gestalteten Garten stattfindenden Veranstaltungen
reichlich Gelegenheiten sich von der Umsetzung des gelungenen Sanierungskonzepts
zu überzeugen. Die ehemalige Kelterhalle mit dazugehörigen Küchen- und
Sanitärräumen kann für private Veranstaltungen und Feierlichkeiten angemietet
werden.
Einen kleinen Eindruck erhält man in der Bildergalerie.
Informationen zu den Veranstaltungen des Rheingau Musik
Festivals und zur Nutzung der Räume für Ihre Zwecke erhalten Sie unter folgender
Adresse:
Rheingau Musik Festival Konzertgesellschaft mbH
Rheinallee 1
65375 Oestrich-Winkel
Telefon 06723 9177-0
E-Mail
info@rheingau-musik-festival.de
www
http://www.rheingau-musik-festival.de

Hofansicht der Fachwerkfassade des Hauptgebäudes, lange Zeit unter Putz
versteckt und durch unsachgemäße Fenstereinbauten gestört, jetzt im
Originalzustand wiederhergestellt
Zur Baugeschichte (Quelle: Josef Liebl, Mai 1998)
Als Erbauer des Fachwerkhauses in der jetzigen Rheinallee 1 in
Oestrich, dürfte ein gewisser J. H. C. Peez oder dessen Vater, um 1750
verantwortlich zeichnen. Beide waren am fürstbischöflichen Hof in Mainz tätig.
Ob und welche Teile er in den damaligen Neubau miteinbezog, ist noch nicht
endgültig geklärt. Das Mauerwerk der Giebelseite und Teile des Erdgeschosses der
Längsseiten sind wahrscheinlich älteren Ursprungs. Dafür spricht u.a. auch die
Tatsache, daß die Giebelfassade keinerlei Verbindung irgendeiner Art zum Rest
des Hauptgebäudes aufwies. Genauer ausgedrückt war sie als eigenständig
freistehendes Bauteil ausgebildet und das Fachwerkhaus lediglich stumpf
dagegengebaut.
Fest steht jedoch, daß es um 1750 keine Verlängerung des Fachwerkgebäudes zur
Kirche hin gab. Reste einer Beschieferung zeigten, daß das Fachwerkgebäude
freistehend war, zumindest bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Die in Punkt II
beschriebenen Nebengebäude sind Zutaten des späten 19. Jahrhunderts, bzw. des
20. Jahrhunderts.
Genutzt wurde das Haus von seinem Erbauer lediglich als "Sommerfrische" . Die
romantisch gelegene Nähe zum Rheinufer schien die Bauherren bereits damals die
Gefahr eines zu erwartenden Hochwassers vergessen zu machen.
Größere Umbaumaßnahmen erfuhr das Haus im 19. Jahrhundert. Neben dem Verputzen
des Fachwerks wurden mehrere Fenster-, bzw. Türöffnungen geändert und neu
hinzugefügt. Um eine bessere mechanische Verbindung zwischen Holz und Putz zu
gewährleisten, wurden Kerben in die Balken des Fachwerks gehauen.
Massiv "gestört" wurde das Fachwerk nicht nur durch die nachträglich veränderten
Öffnungen, sondern auch durch das willkürliche Einbauen von Kaminen. Diese
Kamine wurden "rücksichtslos" an einer scheinbar günstigen Stelle vom Erdgeschoß
bis über das Dach hochgezogen. Dass man dadurch auch das Fachwerkgefüge "stört"
, wurde entweder ignoriert oder einfach in Kauf genommen.
Wie aus einem Briefwechsel von 1780 des Herrn Peez mit der Gemeinde Gestrich zu
entnehmen ist, gehörte das Grundstück der jetzigen Rheinallee 2 und 3 ebenfalls
zum Anwesen Rheinallee 1 dazu. Dieses Grundstück wurde erst um die
Jahrhundertwende überbaut.
Sanierungskonzept ( Quelle: Josef Liebl, Mai 1998 )
"Aller Anfang ist schwer!
So kam man erst während der ersten drei Monate der Renovierungsphase Januar -
März 1997) mehr und mehr zu der Erkenntnis, dass eine ausgedehnte
Generalsanierung von Nöten sein wird.
Nachdem sämtlicher Putz, sowohl außen als auch innen entfernt war, galt es,
alte, bisher verborgene Strukturen zu erkennen, um sie restaurieren, bzw.
ergänzen zu können. Vor allem im Bereich des Fachwerks waren es glückliche
Umstände, die es erlaubten, das heutige, originale Erscheinungsbild
wiederherzustellen. Der Kauf einer bereits abgerissenen Scheune aus
Eichenholzbalken ermöglichte es, wieder eine homogene Fachwerkfigur präsentieren
zu können. Außerdem ist durch den Gebrauch von altem Holz die Gefahr einer
Beschädigung der Gefache durch Holzverformung, wie man das vom Bauen mit neuem
Holz kennt, größtenteils gebannt.
Ebenfalls konnten aus dem Zwischendeckenbereich entfernte Balken wiederverwendet
werden, welche lediglich an ihrem Kopfende abgefault waren. Teile von ihnen
wurden für die Sanierung der Zwischenwände verwendet. Ziegelsteine, die aus dem
Abbruch von insgesamt fünf Kaminen stammten, wurden von Mörtelresten befreit und
an anderer Stelle wieder eingebaut.
So entwickelte sich im Laufe der Bauphase ein System der Wiederverwendung
gebrauchter Materialien, die durch ihren gezielten Einsatz dem Gebäude nicht nur
Halt und Festigkeit, sondern auch seine ursprünglich vorhandene,
zwischenzeitlich baulich überformte “ Würde" zurückgaben.
Korrespondierend zur Sanierung des Fachwerks sollte auch der durch die
Vorbesitzer zwischenzeitlich asphaltierte Innenhof seine intime Atmosphäre durch
den Verbau von gebrauchtem Kleinpflaster aus Basalt und Granit wieder
zurückerhalten, was auch so umgesetzt wurde.
Vor diesem Hintergrund war es auch für die Bauherrschaft kein großer Schritt
mehr, sich bei der Sanierung der Gefache und Zwischenwände auf die Verwendung
des fast vergessenen Baustoffes Lehm “einzulassen".
Die Verbesserung des Wärmedämmwertes wurde mittels einer innen, vor die
Außenwände, gesetzten Lehmsteinwand erreicht. Der Zwischenraum zwischen alter
Fachwerkwand und neuer Lehmsteinwand wurde mit einem Gemisch aus Lehm, Wasser
und recycelten, zermahlenen Flaschenkorken befüllt. Der errechnete Wärmedämmwert
liegt bei jetziger Wanddicke von 25-30 cm zwischen 0,5 und 0,6 W/m2xK.
Um auch anderen Interessierten die Möglichkeit zu geben, den modernen Umgang mit
Lehm in dem Anwendungsbereich Mauer, Putz, etc. zu studieren, wurde im Herbst
1997 vor Ort ein Lehmbau-Seminar (siehe Presseberichte) unter der Leitung von
Herrn Klaus Schillberg aus Nidderau gehalten. An einer Baunaht, die im Bereich
des Übergangs Fachwerkhaus zum Anbau 19. Jahrhundert liegt, wurde ein
zugemauerter Durchgang wieder freigelegt um so eine direkte Verbindung zwischen
Innenhof und Garten zu erhalten.
Der geschlossene, intime Innenhof "mündet" an diesem Durchgang in einen weiten,
offenen Garten, wobei der Durchgang und damit das ganze Haus als Brücke zwischen
dem gefassten Raum (Innenhof) und dem offenen Raum (Garten) dienen soll. Die
jeweils an der Schwelle des Durchgangs stehende Person kann zwar einen Bereich
des entsprechenden Raumes (Garten, bzw . Hof) ausschnitthaft erkennen, ist aber
erst nach Überwindung des Durchgangs in der Lage, den jeweiligen Raum als Ganzes
zu erfassen.
So war ebenfalls das Vorhaben, das Dachgeschoß als einen ganzen Raum anzulegen,
die Idee, aus den kleinteiligen, verschachtelten Raumsituationen der ersten
beiden Stockwerke in einen lichten, großzügigen Raum zu gelangen, um so einen
bewussten Gegensatz zwischen vorhandenem und neuern Grundriss zu erzeugen.
Ein Gegensatz, der sich allerdings nicht als Konkurrenz zwischen Alt und Neu
definiert, sondern jeglicher Art von gestalterischer Architektur die Möglichkeit
geben soll, für sich zu wirken. Deshalb wurden moderne Elemente, wie der Einsatz
von Stahl und Glas, oder die Treppenhausabtrennung zum Dachgeschoß so gewählt,
dass sie als solche leicht erkennbar, klar in ihrer Struktur und Form sind und
nicht durch zusätzliche Ornamentik oder Beiwerk vom wesentlichen, nämlich dem
Gebäude und dessen historischen, wiederhergestellten Strukturen ablenken (siehe
Foto Dachgeschoß) .
Elemente, die eine bestimmte Form erhalten sollten, sind ausschließlich in einen
thematischen Zusammenhang mit dem Gebäude bzw. dem Bauherren gebracht worden. So
wurden z. B. notwendig gewordene Maueranker in Form von historischen
Notenschlüsseln als Anspielung auf das Rheingau Musik Festival angefertigt
(siehe Foto).
Ein Grundproblem, das eine Menge Schwierigkeiten mit sich brachte, war die
Umnutzung des Wohnhauses in einen funktionellen Bürobetrieb. Da für eine
gewerbliche Nutzung strengere Auflagen im Bereich des vorbeugenden Brandschutzes
bestehen, als für eine private, gab es v .a. Konfliktpunkte zwischen
Denkmalschutz und Anpassung des Hauses an entsprechende Auflagen der Hessischen
Bauordnung. Auch in diesem Bereich stand v .a. die Erhaltung der Substanz im
Vordergrund. "Umwege" bei der Verlegung von Leitungen wurden in Kauf genommen,
um nicht wieder in das gleiche Fahrwasser" zu geraten, wie der vorherige
Besitzer des Hauses.
Da die außergewöhnliche Qualität des Fachwerks sowohl Bauherrschaft, als auch
alle anderen Verantwortlichen in die Pflicht nahm, behutsam mit der Substanz
umzugehen, war man sich in Ergänzung dazu durchaus bewusst, nicht mehr
Vorhandenes, nur annäherungsweise Nachvollziehbares und neue Notwendigkeiten mit
den Mitteln der Gegenwart auszudrücken, vor dem Hintergrund des Schaffens eines
einheitlichen Ganzen. Man wollte sich auf keinen Fall dem Vorwurf aussetzen,
dass "alles wieder so wird, wie es niemals war".
Oestrich im Rheingau am 01. Mai 1998
Joseph Liebl
Projektleiter
Widmung des Architekturbüros Hans-Peter Gresser
"Nicht nur während der Konzertsaison, sondern das ganze Jahr über im Rheingau
präsent sein"
Dieser langjährige Wunsch der Verantwortlichen des Rheingau Musik Festivals nahm
Anfang 1997 konkrete Züge an. Ab diesem Datum wurde das ehemalige Weingut Eser
in Oestrich einer gründlichen und grundlegenden Sanierung unterzogen.
Dass man es dabei mit einem "besonders qualitätvollen Beispiel für den in
Oestrich hoch entwickelten Fachwerkbau der Zeit des Barock" zu tun hat, um mit
Herrn Dr. Reiter vom Landesamt für Denkmalpflege zu sprechen, erschloss sich
erst auf den zweiten Blick.
Die in vielerlei Hinsicht zwar sehr spannende, jedoch ebenso problematische
Aufgabe für den Architekten Hans-Peter Gresser, Wiesbaden, war, in ein
bestehendes, erhaltenswertes Gefüge die Ansprüche einer modernen Büronutzung
einzupassen.
Dem Gebäude seine ursprüngliche, im Laufe der Zeit baulich überformte Würde
zurückzugeben, war oberstes Gebot und ständiger Leitfaden während der Bauzeit.
Dass dies gelang, ist auch dem Projektleiter vor Ort, Herrn Joseph Liebl, zu
danken. Es kann mit Fug und Recht behauptet werden, den Anforderungen, die ein
renommiertes Musik-Festival mit sich bringt, voll entsprochen zu haben, da sich
am Grundriß des Hauses nichts geändert hat. Nur das Firmenschild des Rheingau
Musik Festivals weist darauf hin, dass sich hinter dem alten Gemäuer Büro- und
Veranstaltungsräume befinden.
Tradition und Kontinuität, zwei Komponenten, die mittlerweile auch auf das
Rheingau Musik Festival angewendet werden können, sollten in Idee und
Verwirklichung dieser Sanierungsmaßnahme an erster Stelle stehen. Trotzdem und
gerade deshalb war es notwendig, in manchen Detailfragen architektonisch moderne
Ausdrucksformen zu finden, besonders dann, wenn originale Strukturen nicht mehr
oder nur stark verändert vorhanden waren. Pseudo-barocke Ornamentik und
übertriebener Formenreichtum, wie sie auch im Rheingau des Öfteren anzutreffen
sind, sollten in diesem Zusammenhang durch Zurückhaltung und Schlichtheit in der
dekorativen Ausgestaltung vermieden werden. "Damit nicht alles so wird, wie es
niemals war" - so Architekt Gresser; man möchte sich am Ende nicht dem Vorwurf
aussetzen müssen, dass das wenige Originale auch noch "kaputtsaniert" wurde.
Die denkmalpflegerische Philosophie des Architekten ist vor allem so zu deuten,
dass dem behutsamen Umgang mit originalen, erhaltenswerten Strukturen oberste
Priorität gehört, jedoch in Ergänzung dazu nicht mehr Vorhandenes, nur
annäherungsweise Nachvollziehbares und neue Notwendigkeiten mit den Mitteln der
heutigen Zeit zu "beantworten" sind.
Diese symbiotisch anmutende Herangehensweise, das Verbinden von Alt und Neu,
ohne dass das eine von dem anderen überformt wird, sollte letztendlich dazu
führen, das harmonische Einfügen des Gebäudes in die gewachsene Kulturlandschaft
des Rheingaus zu gewährleisten und trotzdem den technischen sowie auch den
stilistischen Anforderungen des ausgehenden 20. Jahrhunderts Rede und Antwort zu
stehen.
Wiesbaden , 13.04.99